Veröffentlichungen zum Thema "Mobilfunk"
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Chance vertan!
Dr.-Ing. Martin H. Virnich
Veröffentlicht: Wohnung + Gesundheit, Nr. 88, Herbst 1998
Es wäre zu schön gewesen: Für die bereits jetzt geplante Nachfolge-Generation
der digitalen Mobilfunksysteme gibt es eine technische Lösung, die
ohne die umstrittene periodisch gepulste Strahlung auskommt und
die lange Zeit von dem zuständigen Mobilfunk-Entscheidungsgremium
favorisiert wurde. Nun aber ist es endgültig: Auch die dritte Generation
von Mobilfunksystemen wird europaweit periodisch gepulste Wellen
ausstrahlen!
Die mit 217 Hz periodisch gepulste Strahlung stellt ein "Markenzeichen"
der digitalen Mobilfunksysteme nach dem GSM-Standard*1 dar (D-
und E-Netze). In verschiedenen Untersuchungen hat sich herausgestellt,
daß diese gepulste Strahlung gegenüber ungepulster ein besonderes
biologisches Risiko darstellt, da sie bei Menschen u.a. Hirnstromveränderungen
hervorrufen kann; im Tierversuch wurde z.B. ein erhöhtes Krebswachstum
beobachtet. Sie hat daher erheblich zu der Kritik an den digitalen
Mobilfunksystemen beigetragen.
Während mit dem E2-Netz gerade das vierte GSM-Mobilfunksystem
flächendeckend eingeführt wird, beschloß jüngst das Entscheidungsgremium
des ETSI*2 den technischen Rahmenstandard für die zukünftigen
Mobilfunksysteme der 3. Generation (UMTS*3), die ab dem Jahr 2002
die bestehenden GSM- Netze ergänzen und sie ab 2005 ablösen sollen
Dabei lag mit dem sogenannten W-CDMA-Verfahren*4 eine biologisch
unverdächtigere Alternative vor, die ohne gepulste Strahlung funktioniert
und die vom ETSI in der Vergangenheit - allerdings aus technischen
Gründen - favorisiert wurde.
Aber beim Wettkampf technischer Systeme geht es manchmal zu wie
beim Sport: Der lange Zeit in Führung liegende und bereits mit
Applaus bedachte Favorit muß nicht unbedingt auch den Endspurt
für sich entscheiden! Das ohne Pulsung arbeitende W-CDMA-Verfahren,
unterstützt durch die gemeinsame Mannschaft von Ericsson und Nokia,
wurde (nach Verlängerung) zwar zum Sieger erklärt, der Konkurrent
TD-CDMA*5 , der von einer Allianz aus Alcatel, Bosch, Italtel,
Motorola, Nortel, Siemens und Sony gepusht wird, aber ebenfalls!
W-CDMA lag im Dezember 1997 bei einer Abstimmung noch alleine
vorn in der Gunst der Schiedsrichter des ETSI, konnte aber nicht
die erforderliche Mehrheit von 71 % erringen. Auf einer außerordentlichen
Sitzung im Februar 1998 einigte man sich auf einen Kompromiß:
Und stellte TD-CDMA neben W-CDMA oben auf das Siegertreppchen.
Damit enthält der UMTS-Rahmenstandard, der die mobile Übertragung
von Sprache, Musik, Text, Daten, Graphik und Video umfaßt, zwei
verschiedene Verfahren: W-CDMA vorzugsweise für Systeme mit "symmetrischen"
Übertragungskanälen, wie z.B. Sprachübertragung und 2-Wege-Datenübertragung.
TD-CDMA vorzugsweise für Schnurlos-Telefonie und "asymmetrischen"
Datenverkehr, wo in einer Richtung erheblich mehr Daten übertragen
werden als in der anderen (z.B. Fax, Paging, Internet-Zugriff).
TD-CDMA wurde aus einer Kreuzung des gepulsten TDMA-Verfahrens*6
, wie es im GSM-Mobilfunkstandard zur Anwendung kommt, mit dem
ungepulsten CDMA*7 geboren und hat dabei die Eigenschaft der periodischen
Pulsung vom TDMA-Elternteil übernommen. Diese Kreuzung vereinigt
technisch gesehen die Vorteile beider Verfahren; bio-logisch gesehen
schlägt die "schlechte" Eigenschaft der periodischen Pulsung von
TDMA durch und macht das prinzipiell pulsfreie Funktionieren von
CDMA zunichte.
Pro Frequenzkanal arbeitet UMTS TD-CDMA - so wie GSM - mit acht
Zeitschlitzen im 217 Hz-Puls; in jedem Zeitschlitz sind noch einmal
acht Code-Kanäle untergebracht (vgl. Tabelle 1).
| GSM |
200 kHz |
8 |
217 Hz |
- |
| UMTS mit TD-CDMA |
8 x 200 kHz = 1,6 MHz |
217 Hz |
8 |
Tabelle 1: Gegenüberstellung von GSM und
UMTS TD-CDMA
Das Gespann aus W-CDMA und TD-CDMA wird bei seinem Siegeszug erwartungsgemäß
ein flottes Tempo vorlegen: Die Ausarbeitung der technischen Details
soll bis Ende 1999 erfolgen. Der Start der ersten Feldversuche
ist für 2001 vorgesehen und der Beginn des regulären Betriebes
ab 2002. Der flächendeckende Ausbau soll dann innerhalb von drei
Jahren bis 2005 abgeschlossen sein.
Bei der Einführung des digitalen Mobilfunks im Jahre 1992 hatte
zwischen den Großeltern (1. Generation / analoge Mobilfunksysteme,
wie z.B. C-Netz) und den Eltern (2. Generation / digitale GSM-Netze)
des Mobilfunk-Enkels UMTS ein technischer Generationenkonflikt
mit anschließendem Systembruch stattgefunden. Ein solcher radikaler
Systembruch, den der alleinige Übergang auf W-CDMA wiederum bedeutet
hätte, wurde durch den TD-CDMA-Kompromiß vermieden.
Dafür hat der GSM-Elternteil seine pulsierenden Eigenschaften
auf den Enkel UMTS übertragen. Diese Erbmasse wird an eine zahlreiche
Nachkommenschaft weitergegeben: Bis zum Zeitraum 2002-2005 werden
weltweit ca. 300 Millionen Mobilfunkteilnehmer erwartet. Auf dieser
Basis wird UMTS sein Erbe antreten.
Mit der Einbeziehung von TD-CDMA in den UMTS-Rahmenstandard ist
die Chance vertan, ein europa- oder gar weltweit einheitliches
GSM-Nachfolgesystem zu schaffen, das ohne gepulste Strahlung auskommt.
Während WHO und Europäische Union aktuellen Forschungsbedarf bei
der Klärung der biologischen Wirkungen von gepulster Strahlung
sehen und hierfür in den nächsten Jahren zweistellige Millionenbeträge
ausgeben werden, sind von der Technik die Weichen für die mobile
Telekommunikation der Zukunft ohne genaueres Wissen um die biologischen
Konsequenzen bereits gestellt.
Also werden die erwarteten mehrere hundert Millionen Mobilfunk-Teilnehmer
auch weiterhin periodisch pulsende Handies verwenden. Es wäre zu
schön gewesen ...
Abkürzungen:
| *1 GSM: |
Global System for Mobile Communications
|
| *2 ETSI: |
European Telecommunication Standardization
Institute |
| *3 UMTS: |
Universal Mobile Telecommunication System
|
| *4 W-CDMA: |
Wideband Code Division Multiple Access
/ Breitband-CDMA, ungepulst |
| *5 TD-CDMA: |
Time Division - Code Division Multiple
Access, gepulst |
| *6 TDMA: |
Time Division Multiple Access / Zeitmultiplex,
gepulst |
| *7 CDMA: |
Code Division Multiple Access / Codemultiplex,
ungepulst |
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