Veröffentlichungen zum Thema "Mobilfunk"
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Vom Himmel hoch ...
Mobilfunksender jetzt auch auf Kirchtürmen
Baubiologie, Nr. 6/98, S. 18 - 19
Der "gute Draht" zum lieben Gott ist endgültig passé; die Kirchen gehen mit der Zeit und setzen jetzt verstärkt auf drahtlose Verbindungstechniken. Digitale Technik und fortschrittlicher Glaube gehen eine neue Allianz ein: Auf Kirchtürmen halten über den Glocken jetzt Mobilfunksender Einzug.
Wer islamische Länder bereist, dem ist ein Anblick wohl vertraut: Lautsprecher "zieren" üblicherweise die Minarette der Moscheen; fünfmal am Tag ruft der Muezzin - oder ein Tonband - hiermit lautstark die Gläubigen zum Gebet.
Wenn Sie jetzt zuhause auf einem christlichen Kirchturm lautsprecherboxähnliche, graue technische Gebilde entdecken, heisst dies nicht, dass die Kirche etwa den Besitzer gewechselt hätte oder der Pfarrer meint, es seinen muslimischen Kollegen gleichtun zu müssen. Die Erklärung hierfür heisst ganz einfach: Der Mobilfunk hält Einzug!
Denn die Betreiber der neuen, digitalen Mobilfunknetze (D-Netze und E-Netze), ständig auf der Suche nach geeigneten Standorten für ihre Basisstationen, haben nun die Kirchtürme als hervorragend geeignete Stützpunkte für ihre Zwecke erkannt. Ein flächendeckendes Netz von möglichst hoch angebrachten und damit frei strahlenden Basisstationen im Abstand von mehreren Kilometern ist Voraussetzung für eine lückenlose Funkversorgung der ständig steigenden Zahl von Mobiltelefonierern.
Und immer mehr Kirchgemeinden in Deutschland erliegen der Verlockung, den Turm des Gotteshauses gewinnbringend an die Netzbetreiber zu vermieten. Besonders im flachen Gelände sind die Türme von den Konkurrenten der Telekom heiss begehrt, stellen Sie doch - nach dem antennengespickten Fernmeldeturm der Telekom - meistens den immerhin noch zweithöchsten Punkt der Stadt dar.
Offizielle Empfehlungen der Kirchenoberen haben den Weg für die Sender auf den Kirchtürmen frei gegeben. Sowohl die Katholische Deutsche Bischofskonferenz als auch die Grundstückskommission der Evangelischen Kirche in Deutschland haben Musterverträge für die Kirchgemeinden erarbeitet, in denen z.B. Standort, Haftung und Wartung geregelt werden. Als Mieterlös winken in der Regel Beträge von 6.000 DM bis über 12.000 DM pro Jahr.
Einzig die zweitausend überwiegend barocken Zwiebeltürme im Erzbistum München-Freising bleiben als Gerüst für die Mobilfunksender tabu. Das erzbischöfliche Ordinariat lehnt dies aus grundlegenden Erwägungen ab. Diese Erwägungen beziehen sich in erster Linie auf architektonische Gesichtspunkte, zu einem typischen bayerischen Barock-Zwiebelturm passten nun einmal keine technischen Elemente. Aber auch gesundheitliche Aspekte spielen eine Rolle. Die digitalen Mobilfunksysteme stehen im Verdacht, spezielle Auswirkungen auf den menschlichen Organismus zu haben. Auch wenn diese von der Wissenschaft noch kontrovers diskutiert würden, wolle man negative Auswirkungen auf die Gesundheit, die durch solche Anlagen verursacht werden könnten, von vornherein vermeiden.
Mit dieser Entscheidung ist das München-Freisinger Bistum das einzige in der deutschen Kirchenlandschaft, das die biologischen Risiken der Mobilfunksysteme ernst nimmt und vorsorglich entsprechend handelt. Vielleicht hält man in den anderen Bistümern die Freigabe der Kirchtürme für die 24 Stunden am Tag nonstop sendenden Basisstationen für ein besonders fortschrittliches Zeichen?
Einen Schritt weiter ist da zumindest die Stadt Aschaffenburg - als erste in Deutschland. Aus gesundheitlicher Vorsorge für ihre Bürger hat ihr Umwelt- und Verwaltungssenat einstimmig beschlossen, städtische Wohnungen oder öffentliche Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohnhäusern für die Errichtung von Mobilfunk-Sendeanlagen nicht zur Verfügung zu stellen!
Autor
: Dr.-Ing. Martin H. Virnich
; Mönchengladbach
Baubiologe IBN
; VDB - Berufsverband Deutscher Baubiologen
Veröffentlicht in:
Baubiologie, Nr. 6/98, S. 18 - 19
Fachzeitschrift der Schweizerischen Interessengemeinschaft für Baubiologie/Bauökologie (SIB), der Europäischen + Globalen Kooperation der Organisationen für umweltbewusstes und gesundes Bauen und Wohnen (ECOHB) und des Netzwerkes Baubiologie - Berufsverband Deutscher Baubiologen (VDB)
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